2025/05 Tagungen

Chancen.­Gerechtigkeit
für Frauen in Kirche
und Gesellschaft

Podiumsdiskussion in der Cusanus-Akademie Brixen am 5. Mai 2025

Benedetta Michelini, Anna Maria Fiung, Irene Vieider, Susanne Elsen, Beatrix Mairhofer, Maria-Anna Gasser Fink.

Nach einführenden Worten von Akademiedirektorin Claudia Santer und einer Vorstellung der Podiumsteilnehmerinnen durch Benedetta Michelini eröffnete Moderatorin Prof.in Dr.in Susanne Elsen, Professorin für Sozialwissenschaften an der Freien Universität Bozen, den Abend mit einer Reflexion über strukturelle Ungleichheiten und zentrale Barrieren für Chancengleichheit – darunter Armut, Bildungslücken, prekäre Erwerbsbiografien, kulturelle Normen und tradierte Rollenbilder. Sie betonte, wie wichtig es sei, sowohl die individuellen Biografien als auch die institutionellen Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen.

Vier Frauen mit Führungsverantwortung und langjährigem Engagement gewährten im Verlauf des Abends eindrucksvolle Einblicke in ihre persönlichen und beruflichen Werdegänge – und formulierten zugleich klare Forderungen für eine gerechtere Zukunft:

Maria-Anna Gasser Fink, ehemalige Bürgermeisterin von Klausen und Präsidentin des ZONTA Clubs Brixen, betonte, dass soziale Ungleichheiten besonders deutlich auf lokaler Ebene sichtbar seien. Sie erinnerte sich an den unerwartet starken Rückhalt durch Frauen nach ihrer Wahl zur Bürgermeisterin – ein wichtiges Zeichen für weibliche Identifikation und gegenseitige Ermutigung. Auch bei kontroversen Themen wie Lärmschutz oder der Schaffung familienfreundlicher Strukturen habe sie „die Chancen ergriffen“ und sich durchgesetzt – oftmals gegen massive Widerstände in männlich dominierten politischen Gremien. Ihr Plädoyer: Frauensolidarität als politischer Faktor müsse gezielt gestärkt werden.

Irene Vieider, langjährige Direktorin der Landesmusikschule und Diözesanvorsitzende der Katholischen Frauenbewegung, hob die zentrale Bedeutung von Bildung hervor – sowohl in ihrer persönlichen Biografie als auch als gesellschaftlicher Schlüssel zur Gleichberechtigung. Sie erinnerte an ihre eigene Kindheit, in der Frauen kaum Leitungsfunktionen innehatten, und zeigte auf, wie sehr sich die Bildungslandschaft verändert hat. Dennoch gebe es nach wie vor strukturelle Barrieren, etwa beim Zugang zu Führungspositionen oder in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In Bezug auf die katholische Kirche zeigte sie sich vorsichtig skeptisch, ob grundlegende Gleichstellung in absehbarer Zeit Realität werde.

Anna Maria Fiung, Diözesandelegierte im Synodalen Weg und engagiert in zahlreichen Projekten im globalen Süden, berichtete eindrucksvoll von ihrer langjährigen Missionsarbeit in Afrika. Die Stärke, Kreativität und Widerstandskraft der Frauen vor Ort habe sie tief bewegt. Sie schilderte anschaulich, wie sich ihr Verständnis von Armut durch die direkte Begegnung verändert habe – weg von materiellen Defiziten hin zu einem Fokus auf Würde, Zusammenhalt und soziale Resilienz. Ihre Botschaft: globale Gerechtigkeit beginnt mit lokalem Handeln und einer Haltung der Offenheit. Besonders deutlich wurde dies in ihrer kritischen Frage: „Warum können in leer stehenden Widumen keine Ausländer:innen wohnen?“ – eine direkte Einladung zum Perspektivenwechsel.

Beatrix Mairhofer, Direktorin der Caritas der Diözese Bozen-Brixen, brachte eine klare gesellschaftspolitische Perspektive ein. Sie beschrieb die zunehmende soziale Ungleichheit in Südtirol als „gesellschaftlichen Sprengstoff“: explodierende Wohnkosten, ausufernde Bürokratie, zu geringe Löhne – insbesondere im sozialen und pflegerischen Bereich. Migrantinnen und Migranten seien dabei besonders betroffen. Mairhofer kritisierte eine Politik, die kurzfristig auf Effizienz setze, statt langfristig in gesellschaftlichen Zusammenhalt zu investieren. „Das Soziale ist eine Investition – keine finanzielle Belastung“, betonte sie. Zuwanderung sei keine Bedrohung, sondern eine Notwendigkeit – wenn sie als aktiver Beitrag zur Gesellschaft verstanden werde.

Auch wenn die Veranstaltung nur von einem kleinen, aber dennoch interessierten Publikum besucht war, tat das der Intensität und Relevanz des Gesprächs keinen Abbruch. In der abschließenden offenen Diskussionsrunde mit den Anwesenden zeigte sich deutlich: Chancengleichheit ist ein Ziel, das viele teilen – wofür es allerdings politische, gesellschaftliche und kirchliche Rahmenbedingungen braucht, die dieses Ziel auch realisierbar machen. Die Podiumsgäste machten Mut, sich weiterhin für Gleichstellung, Teilhabe und soziale Gerechtigkeit starkzumachen – mit klarer Stimme, politischem Bewusstsein und gelebter Solidarität.