2024/05 Tagungen

Klimaziele, Markteffizienz und Sozial­verträglichkeit

Internationale Fachtagung

Großer Andrang am Event

Der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen ist notwendig, um eine dramatische Entwicklung der Klimaerwärmung zu vermeiden. Rund drei Viertel der EU-weiten Treibhausgasemissionen entfallen auf den Bereich Energie für Industrie, Verkehr, Haushalte. Die Energiewende mit dem Ziel der Klimaneutralität innerhalb 2050, mit Etappenzielen für 2030 und 2040 ist deshalb ein zentraler Baustein des EU Green Deal. Mit den verschiedenen Facetten der Umsetzung dieses Prozesses befassten sich namhafte Fachleute auf der Tagung von AFB und Europäischem Zentrum für Arbeitnehmerfragen EZA.

Das Eröffnungsreferat bestritt Béla Galgóczi vom Forschungsinstitut ETUI des Europäischen Gewerkschaftsbundes. Er betonte, dass die Gewerkschaften als sozialpolitische Vertretung eine wichtige Rolle einnehmen: „Sie müssen darauf drängen, dass die Regierungen konkrete umweltpolitische Programme auf den Weg bringen und als Partner der großen Energiekonzerne dafür sorgen, dass die Mitarbeiter:innen bei der Neuausrichtung der Unternehmen nicht unter die Räder kommen.“ Mit dem Programm Fit for 55 hat die EU klimapolitische Ziele für Industrie, Gebäude und Mobilität festgelegt. Für die notwendigen Weichenstellungen stellt die EU mit dem Sozial Climate Fund umfangreiche Finanzmittel zur Verfügung. Wissenschaftliche Daten belegen, dass es dringend notwendig ist, die Dekarbonisierung der Energieträger zu beschleunigen und auf die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energiequellen zu setzen. Hierfür fallen hohe Investitionskosten an. Energiekonzerne müssen neu ausgerichtet werden. ENI und ENEL bezeichnete Galgóczi als positive Beispiele für mit den Gewerkschaften ausgehandelte Abkommen für die Übergangsphase. Das Stahlwerk ILVA in Taranto, dessen Verstaatlichung neuerdings wieder im Raum steht, zeige hingegen, dass notwendige Innovationen aufgrund widersprüchlicher und wenig verantwortungsvoller Politiker nicht zustande kommen.

Prof. Dr. Harald Bradke vom Fraunhofer-Institut in Karlsruhe betonte, dass die EU bei der Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energiequellen auf einen Interessenausgleich bedacht ist. Der Energiemarkt innerhalb der EU soll durch die verschiedenen Förderungskanäle so gestaltet werden, dass sowohl die Marktmechanismen gewährleistet sind als auch die Versorgungssicherheit und die Leistbarkeit für die Bevölkerung. Es liegt an den einzelnen Staaten, die Umsetzung im Rahmen der nationalen Energiepolitik entsprechend zu gewährleisten. Für die Energiewende wird außerdem laufend an technischen Innovationen wie Energiespeicher gearbeitet.

Marc Zebisch, Leiter des Zentrums für Klimawandel und Transformation der EURAC, erläuterte anhand von Statistiken den weltweiten bedrohlichen Temperaturanstieg. Die Folgen sind extreme Hitzeereignisse. Im Sommer 2022 gab es in Europa 60.000 Hitzetote. Anhaltende Dürren und eine rapide Gletscherschmelze verursachen umfangreiche Schäden für Gesundheit, Ökosystem, Landwirtschaft und Infrastrukturen. Kipppunkte sind laut Prognosen Messwerte und Ereignisse, die auf irreversible Schädigungen des Ökosystems schließen lassen. Wir haben noch die Chance, solche Entwicklungen abzuwenden. Neben dem Umstieg auf erneuerbare Energiequellen ist auf Energiesparen und Energieeffizienz zu setzen.

Die Experten an der Reihe

Architekt Marco Cimini, Vorsitzender Energieberatung der Region Abruzzen, berichtete, dass Italien in den letzten zehn Jahren erfolgreiche Schritte gesetzt hat, um den Ausbau der erneuerbaren Energieproduktion und insbesondere die Photovoltaiktechnologie zu fördern. Der aufgrund der europäischen Richtlinie 2012/27/EU ausgearbeitete nationale Energie- und Klimaplan PNIEC aus dem Jahr 2020 beinhaltet zahlreiche Förderungsinstrumente, um die Unternehmen, öffentliche Körperschaften und private Bürger:innen sowie Kondominien bei der Umstellung der Energieversorgung zu unterstützen. Arch. Cimini vermisst eine strukturierte Gesamtplanung bei der Energiewende.

Auf die regionalen Chancen in der Energieversorgung aus Südtiroler Sicht und die Perspektiven von Energiegenossenschaften verwies der Geschäftsführer des Südtiroler Energieverbandes SEV, Ing. Rudi Rienzner. Die Solaroffensive könne auf versiegelten Flächen vorangetrieben und auch die Agri-Photovoltaik in einem bestimmten Rahmen ergänzend genutzt werden. Bei Wasserkraftwerken sei es ratsam, durch Modernisierung technisch veralteter Produktionsstätten einen Kapazitätsausbau zu erreichen. Biogasanlagen seien nur in Kombination mit Förderungen für die Stromproduktion eine gute Lösung. Bei der Windenergie verwies Rienzner auf Beispiele in Europa, wonach eine Einbeziehung der Bevölkerung in den Planungsprozess landschaftsästhetische Bedenken zerstreuen und die Vorteile in den Vordergrund rücken kann. Die Schaffung eigener Regeln im Rahmen der autonomen Zuständigkeiten kann laut Rienzner dafür genutzt werden, die Energieversorgung für die lokale Bevölkerung günstiger als auf gesamtstaatlicher Ebene zu gestalten.

Heidi Rabensteiner,
Arbeiter-, Bildungs- und Freizeitverein