#CusanusOnline – VOM UNGLAUBEN ÜBER DAS DENKEN ZUM GLAUBEN

Der geistige Weg Edith Steins

Der geistige Weg Edith Steins: Am Freitag, 9. April 2021 referiert Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz von 19.30 bis 22 Uhr über die Patronin Europas, der auch die Kapelle der Cusanus-Akademie gewidmet ist.
Edith Stein (1891-1942) entstammte einer jüdischen Familie und studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Durch die Auseinandersetzung mit Kommilitonen und nicht zuletzt durch die Schriften der Hl. Teresa von Avila angeregt, ließ sie sich mit dreißig Jahren taufen. Ihr weiterer Weg war erst von ihrer Lehrtätigkeit, dann von dem Eintritt, mit 42 Jahren, in den Kölner Karmel geprägt. In der kurzen, dennoch sehr intensiven Zeit als Ordensfrau, durchlebte sie die Verfolgung und schließlich die eigene Deportation durch die Nationalsozialisten sowohl von ihren jüdischen Wurzeln her als auch von ihrer tiefen innigen Verbundenheit mit Christus, dem Gekreuzigten.

Zur Anmeldung hier 
Prof.in Dr. Dr. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz war von 1993 bis 2011 Inhaberin des Lehrstuhls für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der TU Dresden. Sie leitet das Europäische Institut für Philosophie und Religion an der Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz bei Wien. 

Am Freitag, 9. April 2021 referiert Hanna-Barbara Gerl-Falkovitzvon 19.30 bis 22 Uhr über die Patronin Europas, der auch die Kapelle der Cusanus-Akademie gewidmet ist. Hier geht's zur Anmeldung.

Ein Gespräch 

Wer war Edith Stein?
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz:
Edith Stein (*12.10.1891 in Breslau/Schlesien ) war Jüdin – seit 1905 abgestürzt in den "radikalen Unglauben" – 1916 in Freiburg promovierte Philosophin – 1922 Taufe zur Christin – 1923 Lehrerin in Speyer – 1933 Karmelitin in Köln und schließlich Martyrerin in Auschwitz (vergast am 09.08.1942). 

Was hat Edith Stein bewogen, sich dem Katholizismus zuzuwenden?
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz:
Sie kam aus einer Lebenskrise um die Jahre 1917/18 (Ende des I. Weltkriegs), begleitet von einer tiefen Sinnkrise: Zwei Lieben werden nicht erwidert; die Berufsfrage war offen, der Atheismus wankte. Die Lektüre der Autobiographie ("Vida") der hl. Teresa von Avila 1921 wird ausschlaggebend für die Konversion; daher stammt auch der Wunsch, in den Karmel, die Gründung Teresas, einzutreten. 

Edith Stein kämpfte um die Rechte von Frauen und wurde selbst in ihrer Karriere eingebremst. Wie hat sie ihr Frausein in der Kirche verstanden und gelebt? 
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz:
Die Gymnasiastin Edith Stein ist Frauenrechtlerin, die Lehrerin in Speyer arbeitet an Vorträgen zur Frauenfrage mit Hilfe phänomenologischer und biblischer Aussagen (heute ein ganzer Band in der Gesamtausgabe mit dem Titel "Die Frau"), die Karmelitin schließlich verliert nach eigener Aussage das Interesse an dem Thema. Die Nähe zu Christus hebt ihrer Erfahrung nach das Geschlecht auf, macht es keineswegs unwichtig, aber macht es frei von der Konkurrenz mit dem anderen Geschlecht. Also ist die Nähe zu Christus auch eine Lösung aus dem "Geschlechterkampf". 

Edith Stein wurde aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln von den Nationalsozialisten getötet. Was hat sie getragen?
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz:
Edith Stein wurde von den Nazis als Jüdin ergriffen und getötet. Sie trug dieses Schicksal aber bewusst und in ihrem Testament von 1939 ausgesprochen "für andere", und zwar im Sinn einer Nachfolge Jesu. So opferte sie ihr Leben – so im Testament aufgezählt – für Kirche und Karmel, für das jüdische Volk, für ihre Freunde und "alle, die Gott mir gegeben" und letztlich für Deutschland. In Auschwitz ist auch jemand für Deutschland gestorben; das mag der Grund sein, weswegen dieses Land trotz aller Zerstörung auch überlebt hat. 

Sie haben Ihren Vortrag am 9. April für die Cusanus-Akademie mit dem Titel überschrieben: Vom Unglauben über das Denken zum Glauben. Wie kommt man mit Denken zum Glauben? 
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz:
Den ersten Zugang zum Glauben findet Edith Stein tatsächlich über die Phänomenologie: das vorurteilsfreie Betrachten von "Phänomenen". Dazu gehört diese Schöpfung, auch der Mensch, und in der genauen Betrachtung zeigt sich immer ein "über hinaus" - die Dinge enthalten mehr, sind Hinweise auf etwas Verborgenes. Auch der menschliche Tod ist ein solcher Hinweis. Mehr aber noch die Erfahrung von Liebe, die den Menschen aus sich heraushebt. Dazu kommt die Erfahrung des "Heiligen", die sich an manchen Stationen des Lebens aufdrängt, so etwa in der Erfahrung der "Geborgenheit" in Gefahr. Diese Geborgenheit gehört zu ihren Erfahrungen, über die sie schreibt.  
Stellvertreterin.
Zu Edith Steins Tod am 9. August 1942


An der mörderischen Rassenideologie starben Edith Stein, jetzt Patronin Europas, in Auschwitz, und drei ihrer Geschwister: Rosa mit ihr, Frieda und Paul zusammen mit der Nichte Eva in Theresienstadt. Die neue Heilige mußte in der Tat zu einer Patronin Europas werden, denn ihr Leben enthält eine Antwort auf das sonst Unbeantwortbare. 

Edith Stein hatte mehrere Zuhause: in Breslau das mütterliche Haus; im akademischen Leben die Universität, spezifisch die Alma matervon Göttingen und Freiburg; das dritte Zuhause wurde die Kirche und tiefer noch der Karmel. 

Als Edith Stein den Karmel unter mehreren möglichen Orden wählte – hätte sie nicht viel eher Benediktinerin oder Dominikanerin werden können? -, wählte sie eine Lebensform, die ihrem wissenschaftlichen Profil kaum entsprach, die aber ihrem persönlichen Naturell entgegenkam: Sie war von der sicheren Empfindung durchdrungen, ihr sei im Karmel etwas Besonderes aufgespart. Bald wird sie begreifen, daß das Aufgesparte in der Stellvertretung, tiefer noch: im Angebot der Sühne bestehe. Um diesen Gedanken war sie schon früher gekreist, lernte ihn aber unter dem Druck der politischen Ereignisse deutlicher auf sich zu beziehen. So verdichten sich die Äußerungen bis zu einer persönlich auf sie selbst zugeschnittenen Stellvertretung, die sie schon im Namen a Cruce gewählt hatte. „Unter dem Kreuz verstand ich das Schicksal des Volkes Gottes, das sich damals schon anzukündigen begann. Ich dachte, die es verstünden, daß es das Kreuz Christi sei, die müßten es im Namen aller auf sich nehmen.“

Die Deutung der Sühne ruht auf dem großen paulinischen Gedanken auf: „Es gibt eine Berufung zum Leiden mit Christus und dadurch zum Mitwirken an seinem Erlösungswerk. Wenn wir mit dem Herrn verbunden sind, so sind wir Glieder am mystischen Leib Christi; Christus lebt in seinen Gliedern fort und leidet in ihnen fort; und das in Vereinigung mit dem Herrn ertragene Leiden ist Sein Leiden, eingestellt in das große Erlösungswerk und darin fruchtbar. Es ist ein Grundgedanke allen Ordenslebens, vor allem aber des Karmellebens, durch freiwilliges und freudiges Leiden für die Sünder einzutreten und an der Erlösung mitzuarbeiten.”

Das Leben und Sterben Edith Steins verleiht diesen alten Behauptungen Blut und Farbe. Sie wächst immer tiefer in den Gedanken hinein, sich Gott anzubieten für die Einfügung in ein unbekanntes Mosaik. Von daher ist ihr inneres Leben, so sehr es Anzeichen einer großen Freude gibt, von dem Schleier eines nahenden dunklen Geheimnisses verhüllt.  

Ihr letztes mündlich überliefertes Wort am 2. August 1942 vor dem Abtransport lautete: „Komm, wir gehen für unser Volk” - dies zu Rosa gesagt, in deren Leben und Sterben sie denselben Zugriff erkennen wollte: „Ich werde mein ganzes Leben hindurch für sie [die Familie] einstehen müssen, zusammen mit meiner Schwester Rosa, die im Glauben mit mir eins ist.” 

Am 9. Juni 1939 hatte sie bereits ein Testament verfaßt, noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Darin formulierte sie einen Schlüsselsatz: „Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter Seinen heiligsten Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herrn, daß Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu Seiner Ehre und Verherrlichung [...]” Nun folgen „insbesondere” die Bitten für Kirche und Karmel und das jüdische Volk, und darauf folgt: „für die Rettung Deutschlands und den Frieden der Welt”, schließlich noch die Bitte für die Angehörigen.

Zwei Formulierungen sind genau zu lesen: „den Tod, den Gott mir zugedacht hat” und „für die Rettung Deutschlands”. Ist in Auschwitz jemand willentlich „für Deutschland” gestorben? Ein solcher - selbst ungeheurer - Satz will bedacht sein, vor allem vereint mit einem „von Gott zugedachten Tod”. 

Erinnerlich ist die erregte Debatte, die schon der Seligsprechung als „Martyrerin“ 1987 vorausging: Starb Edith Stein als Jüdin oder als Christin den Martyrertod? Es gehört zur historischen Redlichkeit zu sagen, daß sie als Jüdin abtransportiert und getötet wurde; es gehört aber ebenso zur historischen Redlichkeit zu sagen, daß sie dieses Schicksal bewußt in der Nachfolge Jesu trug. Man mag dieses Selbstverständnis ablehnen - für sie selbst läßt es sich aber nicht abstreiten. Gerade ab 1933 betonte sie die besondere Auszeichnung ihrer jüdischen Abstammung im Sinne einer Berufung zum Kreuz. Den Rassenterror der Nationalsozialisten kommentierte sie hellsichtig, er richte sich gegen die menschliche Natur Christi. Kraft dieser menschlichen Natur wußte sie sich „blutsverwandt“: „Sie glauben nicht, was es für mich bedeutet, Tochter des auserwählten Volkes zu sein, nicht nur geistig, sondern auch blutsmäßig zu Christus zu gehören.“ Daß dies Edith Steins Deutung und – mehr noch – Trost war, läßt sich am gesammelten Ernst ihrer letzten Tage abnehmen.  

Die neue Patronin Europas hat durch Hingabe ihres Lebens in den Schatz des corpus mysticum„einbezahlt“. Seit ihrem Tod hat das Wort „Judenchristin“ ein neues Gewicht und ist zur tragenden Brücke zwischen lange getrennten, ja feindlichen Fronten geworden. Aber denken wir auch das Undenkbare, wenn der Name Auschwitz fällt: Es ist dort eine Frau „für Deutschland“ gestorben. Dank ihrer Proexistenz war noch im Grauen von Auschwitz Gnade wirksam. Die Nachgeborenen leben weiter und sind zur dauernden Antwort auf die Schuld der Vorfahren gezwungen – aber dieses befleckte Land ruht auch auf den Schultern großer Märtyrer. Als in Auschwitz Getötete hat sich Edith Stein in die europäische Geschichte eingetragen, als eine, die Auschwitz zu erdulden bereit war „für andere“, wird sie für Europa eine „Gesegnete“. 

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Zur Anmeldung hier

CUSANUS.NEWS

Bildung zum Nachlesen

Kurse

Cusanus.Sommer: Trommel, Spiel und Spaß

Abdeloahed El Abdchi aus Brixen begleitet zwei Sommer-Trommelwochen vom 23.08. bis 27.08. und vom 30.08. bis 03.09.2021. Abdeloahed ist Kulturvermittler und Begründer der Band ...
News

Zeig uns Deine Ehrenamtskarte

Die Cusanus-Akademie ermöglicht allen Inhaber/innen der Ehrenamtskarte freien Eintritt zu Abendveranstaltungen.
ES GIBT NEUIGKEITEN
Mit unserem Newsletter bleiben Sie auf dem Laufenden.
 
 
Anmelden
Wir verwenden Cookies für die beste Nutzererfahrung. Es werden Cookies von Dritten eingesetzt, um Ihnen personalisierte Werbung anzuzeigen. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie der Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät zu. Informationen zu Cookies und ihrer Deaktivierung finden Sie hier.