ESSSTÖRUNGEN: STIEFKINDER DER BEHANDLUNG?

Tagung am Montag, 23.11.2020 von 8.30–17.30 Uhr

23.11.2020: Essstörungen sind die tödlichsten psychiatrischen Erkrankungen und erfordern mehr als andere psychische Störungen die Behandlung durch ein multidisziplinäres Team. Trotz aller Bemühungen fühlen sich die behandelnden Teams immer wieder machtlos. Es liegt im Wesen der Essstörung, dass Betroffene sich oft hartnäckig gegen Behandlung, Hilfe und Begleitung zur Wehr setzen. Deshalb sind therapeutische Erfolge schwer zu erzielen. Die Tagung Tagung am 23.11.2020 dient einerseits dem Zweck die Grundhaltung des Helfens selbst in schwierigster Lage zu stärken und die Solidarität zwischen den Helfer/innen zu fördern. Andererseits soll über die Zukunft der Behandlung in Südtirol diskutiert werden. 
Referent/innen:
  • Marion Burger, Bruneck. Krankenpflegerin, Psychiatrie Krankenhaus Bruneck
  • Dr. Sabine Cagol, Bozen. Psychologin, Psychotherapeutin, Fachambulanz Bruneck
  • Dr. Margit Coenen, Bozen. Psychiaterin, Psychiatrischer Dienst Brixen
  • Dr. Marinella Di Stani, Ravenna. Psychiaterin, Leiterin des Dienstes DCA, AUSL Ravenna
  • Elke Kapfinger, Meran. Ernährungstherapeutin, Dienst für Diät und Ernährung, Meran
  • Univ. Prof. Dr. Angela Favaro, Padua. Direktorin der Universitätsklinik für Psychiatrie und des Departements für Essstörungen in Padua
  • Univ.-Prof. Dr. Andreas Karwautz, Wien. Psychiater, Psychotherapeut, Universitätsklinik für Kinder - und Jugendpsychiatrie, Eating Disorders Unit, MedUniWien
  • Dr. Peter Koler, Bozen. Psychologe, Pädagoge, Direktor vom Forum Prävention
  • Dr. Tatiana Manca, Bozen. Psychologin und Psychotherapeutin, Koordinatorin Ambulatorium DCA Bolzano
  • Dr. Markus Markart, Brixen. Pädiater, Primar der Pädiatrie Brixen
  • Dr. Roger Pycha, Bozen. Psychiater, Primar des Psychiatrischen Dienstes Brixen
  • Dr. Edmund Senoner, Brixen. Psychologe, Psychotherapeut, Therapiezentrum Bad Nachgärt
  • Dr. Rita Trovato, Bozen. Medico dietologo presso Servizio di Dietetica e Nutrizione Clinica Bolzano
  • Dr. Raffaela Vanzetta, Bozen. Pädagogin, Psychotherapeutin Koordinatorin - INFES Fachstelle Essstörungen
  • Compagnia Gian Teatro, Firenze. GianTeatro è composto da Gila Manetti e Andrea Mitri, due attori che da anni operano nel teatro di improvvisazione. Ai due componenti base si uniscono via via altri attori quali Alfredo Cavazzoni e Antonio Vulpio. GianTeatro lavora anche in ambito aziendale con interventi mirati in convegni e convention.

Moderation:
Dr. Roger Pycha und Dr. Sabine Cagol 

Infos und Anmeldung hier
Dr. Roger Pycha ist Vizeleiter des Netzwerks für Essstörungen in Südtirol (Leiter ist Primar Markus Markart). Ein Gespräch über Ursachen, Betroffene und fehlende Therapieangebote.

Welche Formen von Essstörungen gibt es?
Dr. Roger Pycha: Anorexie (Magersucht) ist die seltenste und tödlichste, bis zu 15 % Mortalität auf die Dauer, Bulimie (Ess-Brechsucht) und binge Eating Disorder (Rauschessen) sind häufiger, miteinander verwandt und zeigen sich durch ungehemmte Einnahme von Essen bis zu 10.000 Kalorien, Adipositas (Felttleibigkeit) ist weltweit die häufigste und gilt als Risikofaktor für hohen Blutdruck, Zuckerkrankheit, Hirnschlag und Herzinfarkt. Sie hat für die Volksgesundheit die größte Bedeutung. 

Sind Essstörungen eine Sucht?
Dr. Roger Pycha:
Betroffene zeigen in gewisser Weise süchtiges Verhalten, das sie immer wiederholen, weil es ihnen Befriedigung verschafft, obwohl es längst gesundheitsschädigend ist. Die Wege der Therapie und Heilung sind aber ganz andere als jene von Alkohol- oder Drogensucht. 

Was weist auf mögliche Essstörungen hin?
Dr. Roger Pycha:
Konstant fallendes Gewicht, Ausbleiben der Monatsblutung, Schwäche bei Bewegungsdrang, Kältegefühl und panische Angst vor Gewichtszunahme trotz Ausmergelung kennzeichnen die Magersucht. Bei Ess-Brechsucht schwankt das Gewicht stark, die Zähne werden vom Magensaft auf die Dauer verätzt, die durch häufiges Brechen angeschwollenen Speicheldrüsen verleihen ein typisch eckiges Gesicht. Übergewicht und Fettleibigkeit entstehen oft bei Bewegungsmangel und bevorzugter Gefühlsregulation durch Essen, können aber einfach auch Wohlfühleffekte sein. Auch zu wenig Stress macht dick. 

In welchem Alter treten Essstörungen am häufigsten auf? 
Dr. Roger Pycha:
Die schweren, psychiatrisch bedeutsamen Störungen wie Magersucht und Bulimie treten typischerweise zwischen 15. und 35. Lebensjahr auf, deutlich häufiger bei Frauen als bei Männern. Seit ca. 10 Jahren sinkt das Alter des Erkrankungsbeginns, auch Zehnjährige können bereits erkranken - das hat aber teilweise aber auch mit früherer Diagnose und besserer Erkennung der Störungen zu tun. 

Wie häufig kommen sie vor?
Dr. Roger Pycha:
Zwischen 15 und 35 Jahren leiden pro Jahr 0,4 Prozent der Frauen an Magersucht, 1 Prozent an Ess-Brechsucht und 2 Prozent an Rauschessen. 

Wer ist vor allem betroffen? 
Dr. Roger Pycha:
Frauen leiden ca  5 Mal häufiger daran als Männer. Eine Ausnahme ist das Rauschessen, es kommt bei Männern gleich häufig wie bei Frauen vor. 

Welche Ursachen führen zu Essstörungen?
Dr. Roger Pycha:
Oft gehen dem Beginn der Störung schwere kritische Lebensereignisse voraus, wie Konflikte in der Familie, Trennung der Eltern, Schwierigkeiten in Partnerschaft, Schule oder an der Arbeit. Eine zentrale Rolle spielt mangelndes Selbstwertgefühl, oft in Verbindung mit unnachgiebigem Leistungsstreben. Auch das moderne Schlankheitsideal und seine Vermarktung sind da von Bedeutung. 

Welche Rolle spielen die Medien - vor allem Social Media?
Dr. Roger Pycha: Medien kreisen um Schönheitsideale, betonen seit fast 30 Jahren den Wert von Schlankheit, werben für die „Idealfigur“ und beschreiben Wege, um dieser ungesunden Norm zu entsprechen. Anderseits hat auch eine Gegenbewegung eingesetzt, die selbstbewusst gerade Frauen hilft, sich vom Schlankheitswahn zu lösen, und Männern Abstand vom Trugbild der durchtrainierten Muskelmenschen erlaubt.
Welche Therapieangebote gibt es für junge Menschen in Südtirol? Welche fehlen noch?
Dr. Roger Pycha:
Krankheitseinsicht und Motivation für Behandlung lassen oft lange auf sich warten, beides ist bei Angehörigen größer als bei Betroffenen selbst. In Südtirol haben wir ein gut funktionierendes Hilfsnetzwerk für Minderjährige, mit einem Exzellenzzentrum an der Pädiatrie Brixen und einer Unterstützungsabteilung an der Kinderpsychiatrie Meran. Viel schwerer haben es da volljährige Essgestörte, wenn sie schwer krank sind. Sie werden teilweise an psychiatrischen Abteilungen, Inneren Medizinen oder sogar Intensivabteilungen versorgt, aber überall als Zusatzbelastung. Wir brauchen ein klinisches Zentrum für erwachsene Patientinnen mit schweren Essstörungen in der Größe von 10 Betten, das in Brixen entstehen soll.  Brixen ist der ideale Standort, weil das Zentrum für Minderjährige bereits dort ist, das Therapiezentrum Bad Bachgart in aller Nähe stationäre Psychotherapie für Essgestörte anbietet und enge räumliche Anbindung an die Abteilungen Psychiatrie, Pädiatrie, Innere Medizin und Intensivstation bestehen. Im Zentrum von Bozen ist zusätzlich ein Day Hospital mit 10 Plätzen und 6 Wohneinheiten für Betroffene, die rehabilitiert werden sollen, geplant. Die ambulanten Fachteams sind bereits jetzt in allen 4 Bezirken sehr aktiv, müssen an verschiedenen Orten aber verstärkt werden. 

Kann man eine Essstörung selbst heilen?
Dr. Roger Pycha:
Manche Essstörungen sind Übergangsphasen, also Ausdrücke so genannter Entwicklungskrisen, und vergehen beim Auftreten günstiger Ereignisse oder Wendungen tatsächlich wieder von selbst. Gefährdete sind heute in aller Regel viel besser aufgeklärt als früher, oder verschaffen sich durch Dr. Google geeignete Informationen. Das hilft vermutlich, nur wissen wir nicht, in welchem Ausmaß. Psychotherapie ist der Königsweg zum Lösen von emotionalen Schwierigkeiten, die sich auf das Essverhalten auswirken. 

Was können Eltern/Bezugspersonen/Freund/innen tun?
Dr. Roger Pycha:
Das Umfeld bemerkt und akzeptiert die Störung meist lange vor den Betroffenen selbst. Entsprechend sind es Eltern oder Partner, die den ersten Kontakt zu den Experten suchen. Das führt unvermeidlich zu Spannungen mit den Erkrankten selbst. Viele von ihnen begeben sich auch nur in Behandlung, weil die Familie so sehr darauf drängt. Anderseits ist der Behandlungserfolg abhängig von vielen Einzelmaßnahmen und langer Übung geregelten Essens. Er bedarf also einer hohen Motivation des oder der Betroffenen. Diese Überzeugung entsteht erst allmählich und auch, weil Bezugspersonen nicht locker lassen. Gerade Ess-Brechsüchtige sind sehr schambesetzt, sie wollen ihr selbst ausgelöstes Erbrechen unbedingt geheim halten. Da kommt den Bezugspersonen eine schwierige, aber auch wichtige Rolle zu, einerseits Einfühlung und Verständnis, anderseits Kontrolle. Für die Kranken sind sie dann good guys und bad guys zugleich. Das ist alles komplex und oft schwer auszuhalten. Jedenfalls soll um jede schwer Erkrankte ein Hilfsnetzwerk entstehen, in dem die schwierigsten Rollen zeitweilig auch abgegeben werden können. Da haben es die Experten leichter. Die gehen abends heim und können vergessen.

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