Pastoraltagung zum Innehalten

Auf dein Wort hin: innehalten

Bei ihrer herbstlichen Pastoraltagung stellt die Diözese Bozen-Brixen jeweils ihr Jahresthema vor und lädt die Teilnehmenden ein, sich von den Vorträgen inspirieren zu lassen. Der heurige Termin fiel auf Freitag, 18. September. Ein Gespräch mit Seelsorgeamtsleiter Reinhard Demetz über Kirche, Krisen und Corona.
Bei der Pastoraltagung wurde das Diözesane Jahresthema vorgestellt und implementiert. Was soll mit „Auf dein Wort hin: innehalten“ angeregt werden?
Reinhard Demetz:
Innehalten bedeutet, sich dem Strudel der äußeren Reize zu entziehen und sich auf die Mitte der eigenen Spiritualität und Lebenshaltung zu besinnen. Für uns als Kirche bedeutet das eine Besinnung auf die Mitte der Frohbotschaft: dass Gott in Christus Mensch geworden ist. Dass er sich verletzlich gemacht hat bis ans Kreuz, um uns in unserer Verletzlichkeit zu trösten und zu heilen. Die Corona-Pandemie hat uns unsere Verwundbarkeit vor Augen geführt. Nicht trotz, sondern besonders in der Verwundbarkeit ist Gott uns in Christus nahe. Dieses Nahe-Sein am verwundbaren Menschen ist zugleich unser Auftrag als Kirche. Eine Chance für unser pastorales Handeln, das ja auch ohne Corona-Krise schon von vielen Nöten und Verletzlichkeiten geprägt war.

Welche Themen haben die Referent/innen vor allem aufgreifen?
Reinhard Demetz: 
Sie haben sich dem Thema „Innehalten“ von verschiedenen Blickpunkten genähert. Fabrizio Carletti hat das Konzept der Antifragilität in der Seelsorge vorgestellt. Er sieht hier ein zukunftsfähiges Modell der Seelsorge, in dem Verletzlichkeit und Schwäche nicht als Problem, sondern als Ressource gesehen wird. Isabella Guanzini hat den Fokus auf die sanfte Macht der Zärtlichkeit gelegt, also auf jene Haltung, die den Nächsten annimmt, schützt und trägt, aber sich selbst dabei verwundbar macht. Christoph Theobald hat sich dem Thema „Innehalten“ aus einer geistlichen Perspektive genähert, als Einladung, die Tiefendimension unseres Alltages wahrzunehmen. Für die Kirche sieht er den Auftrag des Innehaltens inmitten unserer Mission, um die Begegnung zwischen dem Alltag und dem Evangelium Gottes zu ermöglichen. Bischof Ivo Muser hat in seiner programmatischen Rede am Nachmittag verschiedene pastorale Bereiche unter dem Stichwort „innehalten“ unter die Lupe genommen und Schwerpunkte für die Seelsorge im Arbeitsjahr 2020/2021 gesetzt.
Wer war zur Pastoraltagung eingeladen? Warum?
Reinhard Demetz:
Pastoral, also Seelsorge ist heute längst nicht mehr nur Sache der Priester. Genau genommen war sie das ja nie: Seelsorge ist die Art und Weise, wie wir gemeinsam als Christinnen und Christen die Frohbotschaft Christi in die Welt hineintragen. Zur Pastoraltagung waren also alle eingeladen, die in den Pfarreien oder anderswo in der Diözese in der Seelsorge mitwirken: als Priester, Diakone oder Ordensleute, als Pfarrgemeinderäte, Wortgottesleiter/innen, Religionlehrer/innen, Mitarbeiter/innen der Caritas oder Mitglieder eines Vereins oder einer Bewegung.

Corona hat nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirche nachhaltig verändert. Wie kann sich die Kirche in Südtirol in dieser Zeit „neu erfinden“?
Reinhard Demetz: 
Kirche könnte sich in Südtirol wirklich neu erfinden. Ich bin überzeugt, dass es einen neuen Aufbruch geben wird, auch angestoßen durch die Corona-Erfahrung. Allerdings glaube ich nicht, dass sich Kirche „von oben herab“ neu erfinden wird, das heißt mit Plänen und Projekten. Vielmehr werden es Menschen sein, die von einem Traum, von einer Vision erfüllt sind und andere dadurch motivieren und mitnehmen. Diese Menschen sind bereits da, mitten unter uns. Vielleicht ist es die erste Aufgabe der kirchlichen Organisation auf allen Ebenen, auf diese Menschen zu hören und von ihnen zu lernen. Die Begeisterung am Glauben wird unsere Kirche verändern.
Wie kann der Glaube in der Bevölkerung verstärkt werden? 
Reinhard Demetz:
Glaube ist ein Geschenk Gottes. Als solches ist er bei den Menschen schon da. Denn Gott knausert nicht mit seinen Gaben. Ich frage mich oft, wie ich meine Augen und meine Ohren schärfen kann, damit ich sehen und hören kann, was Gott mitten unter uns bewirkt. Ich wünsche mir die Bereitschaft und die Offenheit anzunehmen, was sich durch dieses Sehen und Hören in mir verändert. Dann wird Freude am Glauben geteilt, dann entsteht eine Gemeinschaft, in der Menschen in ihrem Glaubensweg Gleichgesinnte finden.

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