Tagung: Die neuen Kunst- und Kreativitätstherapien

Konzepte, Methoden und Anwendungsfelder

Bei einer Tagung am Dienstag, 25. Oktober von 9 bis 17 Uhr vermitteln Monika Rieder, die Pflegekoordinatorin und Kunsttherapeutin im Dienst für Abhängigkeitserkrankungen Bruneck und Ulrike Hofmann, die Kunsttherapeutin in der Psychiatrie am Krankenhaus Bozen und Gründerin und Koordinatorin des Vereins Healing Arts EO, einen Einblick in theoretische Konzepte, in Anwendungsfelder und in die praktischen Methoden der kreativen Therapien. Durch den Tag führt Brita Köhler vom MUSEION Bozen. Die Teilnehmer/innen erwarten theoretische Inputs zum Thema Kreativitätstherapien, die in praktische Übungen übergeleitet werden. Es bietet sich die Möglichkeit, am eigenen Leib zu erfahren, wie wohltuend, klärend und förderlich sich die integrative Arbeit mit Farben, Musik, Ton, Bewegung und anderen kreativen Medien auswirkt.
In der Kunsttherapie steht der schöpferische Prozess des Menschen im Vordergrund. Kreative Medien bieten Möglichkeiten, innere Befindlichkeiten auszudrücken und diese sichtbar und greifbar zu machen. Über den Akt des Ausdrucks eröffnen sich Möglichkeiten, über das erarbeitete, kreativ geschaffene Objekt auf die inneren, seelischen Befindlichkeiten von Menschen zu schauen. Themen können bearbeitet werden, die nicht oder noch nicht in Worte gefasst werden konnten.Ängste, Spannungen, Konflikte, Verluste, Sehnsüchte und Freude zeigen sich in visuell erlebbarer Form.  Kunsttherapie ist eine Möglichkeit des Ausdrucks und der Klärung von herausfordernden, inneren Befindlichkeiten welche über alle Lebensphasen hinweg in den Bereichen Prävention, Medizin, Psychologie, Pädagogik und Persönlichkeitsentwicklung genutzt werden kann.

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Dr.in Monika Rieder arbeitet seit mehr als 20 Jahren im Dienst für Abhängigkeitserkrankungen im Gesundheitsbezirk Bruneck im Bereich Pflege und Beratung von Menschen mit Suchterkrankungen. Sie hat mehrer innovative Projekten im Bereich Suchtprävention und Gesundheitsförderung ins Leben gerufen und begleitet. Im Rahmen des zweiten Ausbildungsweges an der „Europäischen Akademie für psychosoziale Berufe“ hat sie ihre Leidenschaft für die beraterische und therapeutische Anwendung von kreativen Medien fundiert und das Studium der Integrativen Kunsttherapie abgeschlossen. Seit 2010 ist sie als Integrative Kunsttherapeutin tätig und kombiniert ihre Tätigkeit mit der Arbeit als Supervisorin und Coachin. Ihre Arbeiten als freie Künstlerin präsentierte sie bei Ausstellungen. Sie ist Autorin des 2020 erschienen Buches „Kreativität wirkt heilsam.“


Was tut Kunst- und Kreativitätstherapie und kreative Gesundheitsförderung?
Monika Rieder:
 Der/die Teilnehmerin begibt sich in einen inneren Dialog mit dem eigenen Werk und findet durch das bildnerische und plastische Gestalten, durch Bewegung, Musik, durch Erleben und Gestalten in der Natur, durch Theater- und Rollenspiele verschiedene Möglichkeiten des Selbstausdruckes und aktiviert dadurch Erfahrungs- und Heilungsprozesse. 

Wie kommen Potentiale durch Kunst- und Kreativitätstherapie zum Tragen? 
Monika Rieder:
 Wir Menschen sind von Natur aus dafür geschaffen zu wachsen, uns zu entwickeln und sind mit verschiedenen Fähigkeiten und Potentialen ausgestattet. Die Möglichkeiten und Ausgangspositionen für Entwicklung sind nicht bei allen Menschen gleich. Die genetische Veranlagung, aber auch die familiären, sozialen und ökologischen Umstände, in welchen ein Kind lebt, tragen dazu bei, welche Potentiale es entwickelt und mit welchen Defiziten es umgehen muss. Seit Jahren arbeite ich mit Menschen und Familien im Bereich Abhängigkeitserkrankungen. Durch die Einnahme von Drogen oder den Konsum von Alkohol schleicht sich Schritt für Schritt eine gewisse „Abgestumpftheit“ ein, welche eine Entwicklung in allen Bereichen hemmt und langfristig den Körper und die Seele des Menschen schädigt. Im Zuge der Abhängigkeitserkrankung verlernt der Mensch sich selbst zu spüren, Fähigkeiten auszubilden und die eigene Gesundheit und den individuellen Lebensraum zu gestalten. Die integrativen Therapieangebote (nach Ilse Orth und Hilarion Petzold) ergänzen andere Therapieangebote insofern, dass hier alle Sinne des Menschen in die Behandlung miteinbezogen werden. Der Mensch wird als „multisensorisches und multiexpressives Wesen“ gesehen und durch den kreativen und spielerischen Zugang werden vielfältige Möglichkeiten des Ausdrucks und der Berührbarkeit des Menschen erprobt und zurückgewonnen.Besonders bei der Arbeit in der Gruppe können Menschen im gemeinsamen kreativen Tun Entwicklung und Heilung erfahren. Dabei wird die Kreativtherapeutin darauf bedacht sein, Leistungsdenken und Bewertungen im herkömmlichen Sinne auszuklammern und einen „gastlichen Raum“ zu bieten, in dem der Mensch sich im geschützten Rahmen entwickeln und heilsame Erfahrungen machen kann.   

Wo ist Kunst- und Kreativitätstheorie besonders wirksam?
Monika Rieder:
 In allen Bereichen der Gesundheitsförderung. Nach meiner eigenen Erfahrung sind sie besonders gut einsetzbar im Bereich "betriebliche Gesundheitsförderung" für Mitarbeiter/innen im Gesundheitsbereich sowie in den Bereichen der Bildung und Schule. Kreativitätstherapieangebote fördern Burnout-Prävention, Suchtprävention, lassen sich hervorragend in der Jugendarbeit anwenden. Sie lassen sich in Betrieben einsetzen, wo die Verantwortlichen auf das Wohl ihrer Mitarbeiter/innen bedacht sind, sie in dieser Hinsicht gut begleitet wissen und zu ihrer Gesunderhaltung beitragen wollen.In all diesen Bereichen habe ich bereits praktische Erfahrung machen dürfen, mit durchwegs sehr positiven Rückmeldungen der Teilnehmer/innen und der Betriebsführung.   

Mit welchen Medien arbeiten Sie?
Monika Rieder: 
Ich arbeite mit Farben, Ton, Musik, Naturmaterialien, mit Theater, kreativem Schreiben und Vielem mehr.  Die Auswahl der kreativen Medien hängt von der Befindlichkeit der Klient/innen und Patient/innen ab, sowie von der diagnostischen Ausgangslage.  Weiters berücksichtige ich in meiner Arbeit, welche Medien der Mensch bevorzugt oder ablehnt. Wenn es um die Stärkung von emotional instabilen Menschen geht, arbeite ich mit sogenannten „festen Materialien“ wie Wachskreiden, Bleistift oder Holzfarben. Hier nutze ich die stabilisierende Wirkung des Materials. Stabilisierung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ich die Klienten/innen dabei begleite, die als bedrohlich und überfordernd erlebten Situationen und Emotionen zu regulieren und das Gefühl der Handhabbarkeit zurückzugewinnen. Wenn es gilt, emotionale Erstarrungen aufzulösen, nutze ich flüssige Materialien wie Wasserfarben, um Emotionen und Blockaden vorsichtig und sorgsam in Fluss zu bringen. Für Erinnerungsarbeit an Erlebnisse der frühkindlichen Phase setze ich Fingerfarben ein oder es wird mit Ton gearbeitet. Je nachdem, unter welchem Krankheitsbild oder an welcher Problematik eine Person leidet, wähle ich Methoden aus den Möglichkeiten der „prozessualen Diagnostik“ der integrativen Kreativtherapien aus. Gezielt und bedacht, auch in Rücksprache im multidisziplinären Team, (Ärzt/innen, Psycholog/innen, Pflegepersonal), werden verschiedene Materialien und Methoden eingesetzt. Eine große Ressource ist der Aufenthalt und die Arbeit in der Natur, als wirkungsvolles Heilmittel zur Beruhigung, Bewegung, zur Kontaktaufnahme mit sich selbst als Teil der Natur, zum Spüren und Tasten.

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Wie lange dauert eine Einheit?
Monika Rieder: 
Eine kreative Einheit dauert rund 90 Minuten. Wichtig ist die psychoedukative, diagnostische Abklärung und Aufklärung. Auf Augenhöhe mit den Menschen wird informiert und ausgehandelt, was die Ziele, Wünsche und Möglichkeiten und Grenzen der/s Patient/in und der/s Kreativtherapeut/in sind. Ich erkläre den Menschen, warum ich was und mit welchem Ziel anbiete. Der Konsens und das Einverständnis der/s Patient/in sind dabei grundlegend wichtig.    

Wie universell ist die Sprache der Kunst? Was kann sie mehr als verbale Kommunikation?
Monika Rieder:
 Über Sprache ist vielfältiger Ausdruck möglich. Wenn zusätzlich kreative Medien angewendet werden, kommen oft Themen und Zustände des Menschen zum Ausdruck die unser „Leibgedächtnis" gespeichert hat, aber bislang nicht benannt und zugänglich waren oder ausgedrückt werden konnten. Wenn die Sprache fehlt, sind Patient/innen dennoch in der Lage ihrem aktuellen Befinden „eine Farbe zu geben“. Eine unwillkürliche Bewegung der/s Patient/in, die ich in meiner Rolle als Kreativtherapeutin beobachte, vermag durch meine Anregung Nicht-Bewusstes auszudrücken und erfahrbar zu machen. Ich kann über gezielte Fragen die Menschen dahin begleiten,Inhalte ihres gemalten Bildes zu erforschen, zu erkennen und zu benennen. Über künstlerischen Ausdruck kann Vorbewusstes und Unbewusstes leichter mitteilbar und verstehbar werden. Wir unterstützen Menschen dabei, gezielt wahrzunehmen, zu erfassen, zu verstehen und zu erklären und zuletzt Erkanntes im praktischen Leben umzusetzen. Schmerzliche Erfahrungen und Ereignisse sind manchmal so unfassbar, dass es über die Sprache nicht möglich ist, dieses „namenlose Entsetzen“ auszudrücken. Mittels Kunst fließt über das Körpergedächtnis etwas nach außen, wird vielleicht zum ersten Mal im Leben mitteilbar, was die Arbeit mit dem Thema immens erleichtern kann. 

Warum veranstalten Sie diese Tagung?
Monika Rieder:
 Wir möchten die vielfältigen Möglichkeiten der Kunst- und Kreativitätstherapien breitflächig bekannt machen. Es gibt in Südtirol eine große Anzahl an Therapiemöglichkeiten, außerdem den Verein „Healing Arts EO“. Wir wollen informieren, Kostproben einbringen, Grundkonzepte vorstellen und praktische Anwendungsfelder aufzeigen. Wir verknüpfen Theorie und Praxis. Teilnehmende können ein Gefühl dafür bekommen, was mit der Arbeit mit kreativen Medien gemeint ist. Wir wollen Scheu und Hemmschwellen abbauen und Lust und Freude am Gestalten fördern. 

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